Passen Herzfrequenzreserve-Zonen zu echten Stoffwechselschwellen?
Auf Populationsebene stimmen Karvonen-Zonen der Herzfrequenzreserve zwar mit Stoffwechselschwellen überein, individuelle ventilatorische Schwellen und Laktatschwellen variieren jedoch stark. Da die Schwellenherzfrequenzen über verschiedene Fitnesslevel und Geschlechter hinweg eine große Spannweite aufweisen, führen feste Prozentzonen häufig zu Fehleinschätzungen der individuellen Belastungsintensität.
Zuletzt aktualisiert: 2026-10-31
Formeln zur Herzfrequenzreserve (Heart Rate Reserve, HRR), die nach der Karvonen-Methode berechnet werden, liefern auf Populationsebene eine grobe Schätzung der metabolischen Belastungsstufen, stimmen jedoch oft nicht exakt mit individuellen ventilatorischen Schwellen und Blutlaktatschwellen überein [2, 17]. Während Gruppenmittelwerte vorhersehbare Muster aufweisen, variieren die individuellen Schwellenherzfrequenzen je nach Fitnesslevel, Geschlecht und Gesundheitszustand erheblich [8, 11, 19]. Das strikte Festhalten an standardmäßigen HRR-Prozentwerten führt bei Athleten und klinischen Populationen häufig dazu, dass in höheren oder niedrigeren Stoffwechselbereichen trainiert wird als beabsichtigt [8, 14, 17].
Das Drei-Bereiche-Modell des Stoffwechsels
Die Ausdauerphysiologie unterteilt die Leistung in drei primäre metabolische Intensitätsbereiche, die durch zwei physiologische Grenzpunkte voneinander getrennt sind [19]:
- Moderater Bereich: Belastungen unterhalb der ersten ventilatorischen Schwelle (VT1) oder der ersten Laktatschwelle (LT1) [19]. In diesem Bereich bleibt das Blutlaktat nahe dem Ruhewert (häufig definiert als ein Anstieg von weniger als 0,5 mM über dem Ausgangswert), und die Fettoxidation ist erhöht [5, 17].
- Schwerer Bereich: Belastungen zwischen der ersten metabolischen Schwelle (LT1/VT1) und der zweiten metabolischen Schwelle (LT2/VT2, Critical Power oder Critical Velocity) [19]. Das Blutlaktat steigt über den Ausgangswert an (häufig als Anstieg von 1,5 mM über dem Ruhewert definiert), stabilisiert sich jedoch bei gleichmäßiger Anstrengung und nähert sich dem maximalen Laktat-Steady-State (MLSS) an [3, 17].
- Extremer Bereich: Belastungen zwischen der zweiten metabolischen Schwelle und der maximalen Sauerstoffaufnahme (), die durch einen kontinuierlichen, nicht stabilisierbaren Laktatanstieg und rasche Ermüdung gekennzeichnet sind [3, 19].
Elite-Ausdauersportler absolvieren typischerweise etwa 80 % ihres Trainingsvolumens im moderaten Bereich (Zone 2 und darunter), um den Fettstoffwechsel zu optimieren, die mitochondriale Effizienz aufzubauen und Muskelglykogen zu schonen [5].
Durchschnittliche HRR-Werte vs. individuelle Streuung
Die Karvonen-Formel berechnet die Zielherzfrequenz, indem ein Prozentsatz der Herzfrequenzreserve zur Ruheherzfrequenz addiert wird: [2]. Die Einbeziehung der Ruheherzfrequenz hilft zwar, den parasympathischen Grundtonus zu berücksichtigen, dennoch weichen standardisierte prozentuale Zonen häufig von direkt gemessenen physiologischen Werten ab [2].
In kontrollierten Radsportstudien zeigen Gruppenmittelwerte eine solide Übereinstimmung zwischen HRR und metabolischen Schwellen. In einer Kohorte von 33 aerob trainierten Radsportlern (mittlere : 62,1 4,6 ml·kg⁻¹·min⁻¹) entsprachen die physiologischen Grenzwerte folgenden Durchschnittswerten [3]:
- VT1: 184 36 W (66 9 % HRR) [3]
- MLSS (Subgruppe von ): 256 31 W [3]
- VT2: 298 36 W (88 6 % HRR) [3]
- : 390 34 W (100 % HRR) [3]
Basierend auf Stufentests (Rampen von 25 W·min⁻¹) ergaben sich fünf Trainingszonen: R0 (53–62 % HRR), R1 (62–71 % HRR), R2 (74–86 % HRR), R3 (86–99 % HRR) und R3+ (100 % HRR) [3].
Breiter angelegte Metaanalysen zeigen jedoch, dass die individuellen Schwellenpositionen drastisch um diese Mittelwerte streuen [17]. In einer Metaanalyse über 25 Studien mit 412 Läufern umfassten die individuellen Herzfrequenzen an den physiologischen Schwellen enorme Spannweiten [17]:
- LT1-Bereich: 65 % bis 90 % HRR (oder 69 % bis 94 % ) [17]
- LT2-Bereich: 73 % bis 95 % HRR (oder 80 % bis 98 % ) [17]
Aufgrund dieser Streuung kann eine pauschale Vorgabe wie 75 % HRR einen Läufer sicher unterhalb der LT1 im moderaten Bereich halten, während ein anderer bereits deutlich über der LT1 im schweren Bereich trainiert [17, 19]. Um ohne Labordiagnostik mit 95%iger Sicherheit unterhalb der LT1 zu bleiben, müsste ein Athlet unter 65 % HRR (oder unter 70 % ) trainieren [17].
Ursachen für Abweichungen zwischen HR-Formeln und Stoffwechselschwellen
Mehrere Faktoren erklären, warum formelbasierte Modelle der Herzfrequenzreserve nicht verlässlich mit den echten Laktat- und Gaswechsel-Schwellen übereinstimmen:
1. Inhärente Schätzfehler bei
Standardformeln zur altersbasierten Schätzung der maximalen Herzfrequenz weisen Fehlerbereiche von 10 bis 12 Schlägen pro Minute auf [2]. Bereits 1999 stellten Meyer und Kollegen fest, dass ein Training bei fixen 85 % der zu individuellen Belastungsintensitäten führte, die zwischen 87 % und 116 % der individuell gemessenen anaeroben Schwellen der Athleten streuten [2].
2. Aerobe Fitness und nicht-lineare Schwellenverschiebungen
Der Zusammenhang zwischen aerober Kapazität und Schwellenlage ist über verschiedene Fitnesslevel hinweg nicht einheitlich [11]. In einer gepoolten Studie mit 863 Teilnehmern zeigte die Sauerstoffaufnahme an der VT relativ zur Sauerstoffaufnahmereserve (VT%) einen U-förmigen Verlauf [11]. Der Tiefpunkt lag bei etwa 43 % bei Personen mit einer um 40 ml·kg⁻¹·min⁻¹, während die durchschnittliche VT% bei Teilnehmern mit den niedrigsten und höchsten -Werten auf etwa 75 % anstieg [11].
3. Geschlechterunterschiede
Feste Zielschwellen verhalten sich bei Männern und Frauen nicht identisch [19]. In einer Kohorte von 165 Freizeitläufern wiesen Läuferinnen an der LT1 signifikant höhere relative Herzfrequenzen, und Laufgeschwindigkeiten auf als Läufer (). Dies unterstreicht, dass einheitliche Herzfrequenzvorgaben die metabolische Belastung zwischen den Geschlechtern ungenau widerspiegeln [19].
4. Klinische Populationen und chronotrope Inkompetenz
Die Diskrepanz zwischen festen Herzfrequenzrichtlinien und physiologischen Schwellen ist bei klinischen Kohorten besonders ausgeprägt [8, 14]. In einer Studie an 350 Probanden klassifizierten standardmäßige richtlinienbasierte Intensitätsbereiche die VT1 bei 67,1 % (frühere Richtlinien) bzw. 79,6 % (ESC-Richtlinien 2020) der Herzpatienten fälschlicherweise als hohe statt als moderate Intensität ein; bei gesunden Inaktiven lag die Trefferquote dagegen bei 90 % und bei Leistungssportlern bei 93,9 % [8].
In ähnlicher Weise lagen bei 18 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz die aus 40–70 % HRR abgeleiteten Zielherzfrequenzen signifikant über den gemessenen Schwellenwerten. Dies birgt das Risiko, ein Training im schweren oder extremen Bereich oberhalb der ventilatorischen Schwelle oder des respiratorischen Kompensationspunkts zu verordnen [14]. Die gemessene lag bei diesen Patienten um 12 % unter den altersvorhergesagten Werten – selbst nach Anwendung standardmäßiger Beta-Blocker-Korrekturen [14].
Praktische Alternativen und Orientierungspunkte
Wenn keine direkte Spiroergometrie (zur Bestimmung von VT1/VT2) oder Laktatdiagnostik verfügbar ist, bieten verschiedene Alternativen eine verlässliche Annäherung an die physiologischen Übergänge:
- Subjektives Belastungsempfinden (RPE): Über unterschiedlichste Fitnesslevel hinweg – von Untrainierten bis hin zu Spitzenathleten – liegt die VT trotz stark abweichender absoluter Watt- oder Geschwindigkeitswerte konstant bei einem mittleren Borg-RPE-Wert von 12,5 0,93 [11].
- Herzfrequenzvariabilität (HRV): Die nicht-lineare HRV-Analyse mittels Detrended Fluctuation Analysis (DFA ) erfasst Veränderungen der fraktalen Korrelationseigenschaften, die von etwa 1,5 bei niedriger Belastung auf etwa 0,75 im Bereich von VT1/LT1 absinken [22, 23]. Bei Elite-Triathleten und männlichen Läuferkohorten zeigte der Schwellenwert von DFA eine sehr hohe Übereinstimmung mit LT1 und VT1 mit mittleren Differenzen von nur 1,7 bis 2,0 Schlägen pro Minute [22, 23].
- Leistungsbasierte Ankerpunkte: Bei Freizeitläufern liefern Schätzungen anhand fester Geschwindigkeiten geringere Fehlerquoten zur Bestimmung von LT1 und LT2 als die reine Herzfrequenz oder das Belastungsempfinden – allerdings erhöht das bloße Schätzen statt des direkten Messens der Maximalgeschwindigkeit die Schwellenungenauigkeit [19].
Quellen
Webquellen
- Prediction of Relevant Training Control Parameters at ... - PMC
- How to Calculate Your Heart Rate Zones: Karvonen ...
- Heart rate reserve at ventilatory thresholds, maximal lactate ...
- Claudia Römer from Charité - Universitätsmedizin Berlin
- Zone 2 Intensity: A Critical Comparison of Individual Variability ...
- (PDF) Percentages of Maximal Heart Rate, ...
- Using Free-Living Heart Rate Data as an Objective Method to ...
- The importance of ventilatory thresholds to define aerobic ...
- Ventilatory thresholds - Using HRV to assess VT1 and VT2
- Is There Agreement and Precision between Heart Rate ...
- Ventilatory Threshold Related to V.O2reserve, Heart Rate ...
- Everything You Need to Know About Ventilatory Thresholds
- Comparison of cardiorespiratory responses between treadmill ...
- Exercise heart rate guidelines overestimate recommended ...
- Exercise intensity prescription in cardiovascular rehabilitation
- Heart Rate Variability-Derived Thresholds for Exercise ... - PMC
- Individual variation in heart rates at LT1 and LT2 in runners ...
- Heart Rate Zones: How to Calculate and Train With Them
- The accuracy of fixed intensity anchors to estimate lactate ...
- Exercise Intensity - an overview
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- An Index of Non-Linear HRV as a Proxy of the Aerobic ... - PMC
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